Fast noch frisch – die Tafeln

Die Zahlen sind erschreckend: 82 Kilo Lebensmittel landen jährlich in deutschen Mülltonnen. Weltweit soll Schätzungen zufolge ein Viertel der Nahrungsmittelproduktion direkt in den Abfall wandern. Da scheint es mehr als sinnvoll, dass die so genannten „Tafeln“ von der Vernichtung bedrohte Nahrung retten und armen Menschen zur Verfügung stellen. Ja! Und nein.

Obst in der Abfalltonne - © Schnappschuss / pixelio.de

Obst in der Abfalltonne – © Schnappschuss / Pixelio.de

Das leisten die Tafeln

Mehr als 900 Tafeln gibt es in ganz Deutschland. Diese Non-Profit-Organisationen sammeln vor allem Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdatum bedrohlich nahe gerückt oder sogar schon überschritten ist. Auch Überschussproduktionen von Bauern landen manchmal bei den Tafeln. Die etwa 60.000 freiwilligen Helfer holen die Produkte beispielsweise bei Supermärkten ab und transportieren sie zu eigenen Ausgabestellen, wo Bedürftige die Lebensmittel abholen können. Unter den Empfängern befindet sich etwa ein Drittel Kinder und Jugendliche.

Tafeln bieten also eine kosten- und bedingungslose, unbürokratische, überkonfessionelle und schnelle Hilfe, die wenigstens kurzfristig die Nahrungsverschwendung verringert. Sie schlagen sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Trotzdem gibt es auch Kritik an diesem System.

Tafeln als mildtätige Veränderungsbremse?

Armut und Perspektivlosigkeit sind auch in unserer reichen Gesellschaft die Gründe, die Menschen zu unfreiwilligen „Kunden“ der Tafeln werden lässt. Die Nahrungsmittelgeschenke lindern dabei die akute Not, ändern aber nichts an den strukturellen Defiziten. Im Gegenteil: Manche Kritiker sehen in dieser Art von Mildtätigkeit einen Stabilisierungsfaktor in doppeltem Sinne. Einerseits – so die Befürchtung – verringern sie den politischen und gesellschaftlichen Druck, die Armut ernsthaft und nachhaltig zu bekämpfen. Andererseits verstärken sie womöglich bei einigen Nahrungsempfängern die Hilflosigkeit. Das Lebensmittel-Almosen stillt also den Hunger, kann aber Opferrolle und Tatenlosigkeit sogar verstärken.

Aber was ist die Konsequenz? Aus meiner Sicht ist die Grundsatzkritik an den Tafeln durchaus ernst zu nehmen, sollte aber keinesfalls zur Abschaffung dieser Nothilfe-Errungenschaft führen. Stattdessen sollten die Tafeln in umfassende Hilfskonzepte eingebunden werden, die Armutsbekämpfung und psychische Mobilisierung der Hilfsbedürftigen umfassen. Tafeln sind eben etwas anderes (oder sollten wenigstens etwas anderes sein) als die gute alte Armenspeisung.

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